Können KI-Tools Rechtschreibfehler zuverlässig korrigieren? Das habe ich neulich in meinem Blog gefragt. Damals ging es um eine sachliche Bestandsaufnahme – und in diesem Beitrag um die Frage „Mensch oder KI?“.
Was hat Künstliche Intelligenz im Falle von Korrektoraten und Lektoraten menschlichen Fähigkeiten voraus? Und was spricht für das sprachliche Feingefühl, das Verständnis und die Urteilskraft von Lektorinnen und Korrektoren? Zeit für meine Auswertung, wie gut KI bei der Überprüfung von Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung abschneidet – und für meine ganz persönliche Einschätzung:
Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung: Mensch oder KI?
Falls Sie überlegen, ob Sie Ihre Unternehmenstexte von KI-Tools oder von Menschen überprüfen lassen: In beiden Fällen gibt es Vor- und Nachteile.
KI: Vorteile
- schnelle Ergebnisse
- kostengünstig: selbst kostenpflichtige Tools sind preiswerter als Honorare von Lektorinnen und Korrektoren
- Urheberrecht: selbst geschriebene Texte werden durch Korrektorate und Lektorate unwesentlich verändert, das Urheberrecht liegt weiterhin bei Ihnen
- erkennt Muster und Modelle
- erfasst Abweichungen
- übernimmt standardisierte Arbeitsprozesse
KI: Nachteile
- reproduziert Wahrscheinlichkeiten
- zeigt weder Kreativität noch Innovationskraft
- erkennt keine Sinnzusammenhänge, Ironie oder Doppeldeutigkeiten
- kann Vorurteile und Stereotype wiedergeben
- korrigiert nicht alle Fehler
- kennzeichnet umgekehrt korrekte Formulierungen als falsch: gerade kostenfreie Tools arbeiten nicht immer auf dem aktuellsten Stand der Dinge
- legt nur bedingt stimmige Umformulierungen vor
- Datenschutz: mitunter werden vertrauliche Daten fürs KI-Training genutzt
Ein weiterer Nachteil: Tools zur Rechtschreibprüfung verzichten in der Regel auf Prompts. Sie können also nicht eingeben, welche Kriterien und sprachlichen Besonderheiten Künstliche Intelligenz berücksichtigen soll.
Korrektorinnen und Lektoren: Vorteile
- überarbeiten Texte mit Sinn und Verstand
- bringen Hintergrundwissen ein
- hinterfragen Zusammenhänge
- urteilen mit Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl
- bringen (idealerweise) ethische und gesellschaftliche Werte in ihre Arbeit ein
- finden vorteilhafte Lösungen
Korrektorinnen und Lektoren: Nachteile
- machen ihrerseits Fehler
- können (unbewusst) ebenfalls Stereotype oder Verzerrungen in zu überarbeitende Texte einbringen
- kosten viel mehr als kostenpflichtige KI-Tools
- benötigen weitaus mehr Zeit als KI: insbesondere für Lektorate
Mensch oder KI: Plädoyer für menschliche Kompetenzen
Korrektorinnen, Lektoren und Künstliche Intelligenz zeichnen sich gleichermaßen durch Pluspunkte und Nachteile aus. Allerdings dominieren meiner Ansicht nach die Vorteile menschlicher Kompetenz – und die Schattenseiten der KI.
Beides liegt an menschlichen und KI-typischen Fähigkeiten. Und an klassischen Problemen, die sich durch die Arbeit mit Künstlicher Intelligenz ergeben. Wenn über die Frage „Mensch oder KI?“ entschieden werden soll, rücken menschliche Fähigkeiten und Kompetenzen in den Mittelpunkt.
So arbeitet KI – nicht nur bei Korrektoraten und Lektoraten
Von KI erstellte Texte, Umformulierungen und/oder Korrekturen beruhen auf Wahrscheinlichkeiten. Je nachdem, welche Texte als Trainingsmaterial herangezogen wurden oder werden: Künstliche Intelligenz schätzt anhand der verwendeten Daten ein, welches Wort aller Wahrscheinlichkeit nach als nächstes folgt.
Daher kann es zu falschen oder nicht tragbaren Ergebnissen kommen: von Fehlern (sogenannten Halluzinationen) über Verzerrungen (Bias) bis hin zu stereotypen oder rassistischen Inhalten. Möglich sind Geschlechterklischees, Altersdiskriminierungen oder die Dominanz „alter, weißer Männer“.
Vertrauen in KI …
Obwohl KI automatisierte Entscheidungen trifft und nicht immer nachvollziehbar ist, mit welchen Daten sie geschult wurde: Viele Menschen vertrauen Maschinen – und damit im weiteren Sinne auch Künstlicher Intelligenz. Von KI erstellte Ergebnisse gelten als objektiv, zuverlässig und kompetent. Sie werden zu wenig hinterfragt: Dadurch können sich Verzerrungen oder Vorurteile etablieren.
Korrektorate und Lektorate: Probleme durch KI
Stereotype: Da KI-Texte und -Korrekturen auf Wahrscheinlichkeiten beruhen, stellt Künstliche Intelligenz unter Umständen Inhalte voller Klischees zusammen: je nach verwendetem Trainingsmaterial.
Diskriminierungen: Neben Stereotypen kann KI diskriminierende oder rassistische Facetten reproduzieren. Was Unternehmen oder Freiberuflern als nicht tragbar erscheint, variiert von Fall zu Fall: Die Vielfalt potenziell diskriminierender Inhalte ist unüberschaubar – und nicht immer werden heikle Inhalte gekennzeichnet und/oder geändert.
Gendern: KI-Tools gendern weder einheitlich noch konsequent. Sterne, Doppelpunkte oder Unterstriche werden weder durchgängig angewandt noch entfernt. Auch Vorschläge für besser zu lesende Gender-Formulierungen bleiben außen vor. Problematisch für alle Unternehmen, die geschlechtergerecht formulieren (möchten) – oder die einzelne Gender-Schreibweisen löschen wollen.
Weitere (vermeintlich) standardisierte Prozesse: Nicht nur das Gendern, auch weitere Standardprozesse können auf der Strecke bleiben: beispielsweise Änderungen der Leseransprache und der Tonalität. Es gibt keinerlei Garantie, dass KI konsequent duzt statt siezt und umgekehrt „Sie“ statt „du“ einsetzt. Oder durchgängig humorvoll, seriös, gehoben oder in Jugendsprache formuliert.
Emotionen, kulturelle Feinheiten, unternehmensspezifische Kriterien: Mitunter binden Unternehmen persönliche Meinungen, emotionale oder individuelle Inhalte und unternehmensspezifische Informationen in ihre Texte ein. Dies kann Künstliche Intelligenz nicht abdecken.
Firmeneigene Corporate Language: Gegebenenfalls nutzen Unternehmen spezielle, sprachlich ungewöhnliche Richtlinien. Ob KI-Tools eine solche Corporate Language schlüssig umsetzen, ist Glückssache.
Eigenschreibweisen: Ob die Schreibung von Eigennamen konsequent angepasst wird, bleibt ebenfalls vom Zufall abhängig: kleingeschriebene Unternehmensnamen, (Binnen-)Versalien oder sonstige Besonderheiten (BioNTech, thyssenkrupp, dm-drogerie markt …).
Durchgängige Fehlersuche: Wie in meinem Beitrag Was können KI-Tools zur Rechtschreibprüfung deutlich geworden ist, findet Künstliche Intelligenz nicht alle Fehler – oder markiert inkorrekte Schreibweisen nur zum Teil.
Einheitliche Schreibweisen: Abkürzungen, „Euro“ und „Prozent“ oder „€“ und „%“, Ziffern oder Zahlwörter, bestimmte Begriffe in Anführungsstrichen: KI verfährt alles andere als einheitlich. Doch gerade für Unternehmen sind konsistente Schreibweisen wichtig.
Künstliche Intelligenz und meine Arbeit als Werbelektorin …
… schließen sich aus: Das ist inzwischen klar geworden. Einzige Ausnahme bleibt (bislang) das Bild für diesen Blogbeitrag, das ich mit Chat GPT Images erstellt habe.
Frage ich nach Mensch oder KI, wiegen die von Künstlicher Intelligenz gemachten Fehler viel zu schwer – zumindest beim jetzigen Stand der Dinge. Zwar kann auch ich meinen Kundinnen und Kunden keine hundertprozentige Fehlerfreiheit garantieren. Aber KI-Tools rutschen viel zu viele Patzer und unschöne Formulierungen durch: Diese Patzer kann und möchte ich meinen Auftraggebern nicht zumuten.
Vorerst halte ich KI im Korrektorat oder Lektorat für einen Totalausfall. Wie sich Künstliche Intelligenz weiterentwickelt, bleibt abzuwarten. Möglicherweise ziehe ich KI irgendwann in der Zukunft unterstützend heran: wenn KI halbwegs „sauber“ korrigiert – und ich mich weniger auf Fehler konzentrieren muss, sondern mich sprachlichen Details widmen kann. Doch dann werde ich
- diesen Einsatz transparent machen (in meinen AGB und in meinen Angeboten),
- gegebenenfalls mit meinen Auftraggebern abstimmen, ob sie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz erlauben,
- die Texte meiner Kundinnen und Kunden stets noch einmal eigenverantwortlich überprüfen und
- das letzte Wort behalten.
Human in the Loop: Menschliche Power bleibt unverzichtbar
Falls Künstliche Intelligenz Ihre Texte korrigieren oder lektorieren soll: KI kann Ihnen bestenfalls als Unterstützung dienen – aber menschliches Können und menschliche Souveränität in keinem Fall ersetzen. Statt der Frage „Mensch oder KI?“ rückt die Diagnose „Mensch statt KI!“ in den Mittelpunkt.
KI-Modelle erlernen anhand ihrer Trainingsdaten Strukturen und Wahrscheinlichkeiten und geben beides weiter: ohne das Hintergrundwissen und die Kompetenzen, die Menschen mitbringen. Für mich sind menschliche Fähigkeiten unverzichtbar: bei Korrektoraten und Lektoraten, aber auch beim Texten.
Denn Menschen prüfen von Künstlicher Intelligenz erstellte Vorschläge und passen sie bei Bedarf an. Und Korrektorinnen oder Lektoren machen meiner Ansicht nach weitaus weniger Fehler als KI: Sie hinterfragen, revidieren und verbessern. Wenngleich KI schnell und billig arbeitet: Mittelmäßige Ergebnisse tun keinem Unternehmen gut.
Ich schließe mit dem Hinweis, dass es selbstverständlich Ihnen überlassen bleibt, ob Sie meine Meinung über die Fähigkeiten Künstlicher Intelligenz teilen – oder ob Sie KI für Korrektorate oder Lektorate Ihrer Texte heranziehen.
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