„Ist Rechtschreibung tatsächlich so wichtig, wenn das Schreibprogramm alles korrigiert?“: Diese rhetorische Frage stellte der bis 2026 in Baden-Württemberg amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Interview mit der ZEIT*.
* „Wie waren Sie als Lehrer, Winfried Kretschmann? ‚Ich habe meine Schüler an Kröten lecken lassen‘“. Winfried Kretschmann im Interview mit Jeanette Otto und Martin Spiewak. In: DIE ZEIT, Nr. 16, 11.4.2024, S. 36.
KI-Tools zur Rechtschreibprüfung versprechen eine ganze Menge: Textkorrekturen im Handumdrehen, kompetente Überprüfung von Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung, Formulierungsvorschläge – und noch dazu kostenfrei oder gegen geringes Entgelt.
Doch was kann KI tatsächlich? Bietet Künstliche Intelligenz Hilfe und Unterstützung? Oder brauchen wir nach wie vor Kenntnisse in Orthografie, Grammatik und Interpunktion: weil die zahlreichen Rechtschreibprogramme keine menschliche Kompetenz ersetzen – und Sie Ihre Texte nach wie vor eigenverantwortlich prüfen müssen?
Ich habe getestet, was KI-Tools in Sachen Rechtschreibprüfung alles können und was nicht: in diesem Beitrag eine nüchterne Bestandsaufnahme – und in Mensch oder KI? meine persönliche Stellungnahme zu Korrektoraten und Lektoraten mittels Künstlicher Intelligenz.
Wie habe ich getestet?
Ich habe einen Auszug aus meinem Blogbeitrag Ist mein Text nach dem Lektorat absolut fehlerfrei? als Probetext fürs Korrektorat herangezogen. Um das Können mehrerer KI-Tools hinsichtlich der Rechtschreibung zu kontrollieren, habe ich mehrere Fehler eingebaut:
- Rechtschreibung: falsche Groß- und Kleinschreibungen, fehlende Buchstaben und Buchstabendreher,
- Grammatik: einige falsch deklinierte Substantive nach Präpositionen,
- Zeichensetzung: doppelte und fehlende Leerzeichen, falsche und falsch formatierte Apostrophe, typografisch falsche Anführungszeichen, deutsche Anführungsstriche und gleichzeitig französische Guillemets, Bindestriche anstelle von Gedankenstrichen, fehlende Klammern, fehlende, überflüssige und optionale Kommas, überflüssige Punkte.
Geprüft habe ich außerdem, ob KI-Tools zur Rechtschreibprüfung
- bei Variantenschreibungen die Empfehlungen des Dudens übernehmen – und dabei einheitlich verfahren,
- durchgängig Abkürzungen und Symbole oder ausgeschriebene Wörter einsetzen,
- Ziffern oder Zahlwörter verwenden,
- Ziffern einheitlich formatieren,
- konsequent Gendersterne einfügen oder sie streichen,
- dabei Eigennamen erkennen, die laut individueller Schreibung ohne Gender-Stern auskommen,
- im Falle unleserlich gegenderter Formulierungen im Singular den vorteilhafteren Plural vorschlagen,
- in Stichpunktlisten einheitlich Kommas oder Punkte einsetzen.
Ich habe alle Fehler in meinem getesteten Blogbeitrag korrigiert, einheitliche Schreibweisen hergestellt, unvorteilhafte Formulierungen verbessert – und meine Überarbeitung in einem PDF zusammengefasst.
Welche Tools habe ich getestet?
Wie gesagt: Zur Rechtschreibprüfung haben alle KI-Tools den gleichen Text und identische Fehler erhalten. Überprüft habe ich das Können folgender 5 Tools:
- Word: Rechtschreib- und Grammatikprüfung (Editor),
- Duden-Mentor: Schreibassistent von Duden,
- Textshine: Korrektorat auf Knopfdruck,
- LanguageTool: Ihr Schreibassistent,
- QuillBot.
Word-Editor
Die Rechtschreib- und Grammatiküberprüfung von Word ist unter Windows, Microsoft 365 und macOS verfügbar.
Der KI-gestützte Editor korrigiert Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung: Hier können Sie die zu prüfenden Kriterien anpassen (Datei → Optionen → Dokumentprüfung → AutoKorrektur-Optionen/Benutzerwörterbücher). Zudem erhalten Sie Formulierungsvorschläge (Wortwahl, Prägnanz oder Verständlichkeit).
Kosten
- Microsoft-Editor: kostenlos
- Microsoft 365 Single: 10,00 Euro pro Monat, 99,00 Euro pro Jahr – mit erweiterten Funktionen
- Microsoft 365 Family: 13,00 Euro pro Monat, 129,00 Euro pro Jahr – mit erweiterten Funktionen
Duden-Mentor
Beim Duden-Mentor können Sie zwischen dem Mentor Klassik und dem KI-Assistenten wählen. Der Mentor Klassik überprüft Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung. Der KI-Assistent bietet neben Korrektoraten auch Lektorate und Anpassungen von Sprache und Stil an. Außerdem können Sie unterschiedliche Textarten auswählen (E-Mail, Bewerbung, Marketingtext, Rede …).
Kosten
- Duden-Mentor Basis: kostenlos – bis 500 Zeichen
- Duden-Mentor Premium: 10,95 Euro pro Monat, 26,85 Euro pro Vierteljahr, 95,40 Euro pro Jahr – bis 100 000 Zeichen, erweiterte Funktionen
- Duden-Mentor Premium Plus: 15,95 Euro pro Monat, 38,85 Euro pro Vierteiljahr, 119,40 Euro pro Jahr – bis 200 000 Zeichen, erweiterte Funktionen
Textshine
Textshine korrigiert Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung und Typografie, liefert aber keine Formulierungsvorschläge – und berücksichtigt laut eigener Aussage Eigennamen, Fachjargon und Umgangssprache.
Bis zu 500 Zeichen werden kostenlos korrigiert, für umfangreichere Texte müssen Sie einen Account einrichten. Hier laden Sie Word-Dateien hoch und bekommen Ihre Korrekturen per E-Mail zurück.
Kosten
- kostenlose Korrektur bis 500 Zeichen
- Basispreis: 0,50 Euro pro 1 000 Zeichen (zeichengenaue Abrechnung), kostenfreie Korrektur der ersten 10 000 Zeichen
LanguageTool
Das LanguageTool prüft Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung und formuliert auf Wunsch gleichfalls einzelne Passagen oder komplette Texte neu – kürzer oder umfangreicher, standardsprachlich, formell, akademisch oder kreativ.
Neben deutschen Korrekturen und Neuformulierungen sind weitere Sprachen möglich: darunter Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch. Gleichfalls gibt es Add-ins/Add-ons für Microsoft Word, LibreOffice, Google Chrome und weitere Browser.
Kosten
- Basis-Tarif: kostenlos
- Premium-Tarif: 19,90 Euro pro Monat, 39,90 Euro pro Vierteljahr, 59,89 Euro pro Jahr, 99,90 Euro für 2 Jahre – erweiterte Korrekturfunktionen, erweiterte Überprüfung von Fremdsprachen
QuillBot
QuillBot konzentriert sich nicht allein auf Korrekturen von Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung, sondern bietet eine Reihe weiterer KI-Optionen an: Texte umschreiben, übersetzen oder zusammenfassen, Bilder erstellen und bearbeiten, Plagiatsprüfungen oder KI-Chats. Auch hier gibt es Add-ins/Add-ons für Microsoft Word, Google Chrome, Edge und Safari.
Kosten
- Basis-Tarif: kostenlos
- Premium-Tarif: 8,33 Euro pro Monat – erweiterte Funktionen
Welche Fehler finden KI-Tools zur Rechtschreibprüfung – und wo scheitern sie?
In der folgenden Tabelle habe ich sämtliche Fehler meines Probetextes zusammengefasst. Und gleichfalls festgehalten, welche Fehler die getesteten KI-Tools markieren – und welche Korrekturen zwar nötig sind, von Künstlicher Intelligenz aber nicht gekennzeichnet werden.

KI-Tools beim Korrektorat und Lektorat: Hilfreich oder ausbaufähig?
Hilfreich sind KI-Tools bei Buchstabendrehern oder vergessenen Buchstaben. Außerdem kennzeichnen mehrere Portale notwendige Gedankenstriche (anstelle von Bindestrichen), Kommafehler, falsche Apostrophe und fehlende oder überflüssige Leerzeichen.
Eine Garantie, dass alle Fehler gefunden werden, gibt es jedoch nicht. Prinzipiell lassen alle 5 getesteten Tools Fehler unberücksichtigt oder korrigieren Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung nur zum Teil. Dabei erkennt Textshine die meisten inkorrekten Schreibweisen.
Auch orthotypografische Baustellen wie falsch oder uneinheitlich formatierte Anführungszeichen bleiben auf der Strecke: Selbst Textshine markiert nur uneinheitliche Anführungsstriche und lässt typografisch falsche Doppelakut-Zeichen außer Acht.
Hauptproblem bei allen Tools sind uneinheitliche Schreibungen: KI
- nutzt „zum Beispiel“ und „z. B.“, „Prozent“ und „%“ – oder Ziffern und Zahlwörter,
- formatiert vier- und fünfstellige Ziffern mit Leerzeichen und mit Punkten und
- passt Variantenschreibungen nicht an: Ausnahme ist hier lediglich der Duden-Mentor.
Außerdem bleiben inkorrekte Schreibungen unberücksichtigt, die per se richtig sind. Künstliche Intelligenz erkennt keine Zusammenhänge und keinerlei Kontext – und kann daher nicht einschätzen, ob
- das Substantiv „das Tabu“ oder das Adjektiv „tabu“ oder
- Pronomen wie „sie“ oder die Höflichkeitsanrede „Sie“
korrekt sind. Vergleichbares gilt für
- Ziffern und Zahlwörter oder
- Abkürzungen, Symbole und ausgeschriebene Wörter.
Probleme gibt weiterhin bei geschlechtergerechten Schreibungen mit Gender-Stern:
- KI-Tools setzen fehlende Gender-Sterne nicht konsequent ein – und streichen umgekehrt die nur zum Teil eingefügten Sternchen nicht.
- Vorschläge für vorteilhaftere Formulierungen (Plural statt Singular) bleiben außen vor.
- Künstliche Intelligenz berücksichtigt keine Eigennamen – in meinem Fall: der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren. Hier dürfte weder einfach gegendert noch nicht gegendert werden: Vielmehr müssten relevante Eigenschreibweisen kritisch überprüft werden.
Können KI-Tools Rechtschreibprüfung …?
Wenn Sie Ihre Texte von Künstlicher Intelligenz überprüfen lassen, können Sie sich nicht darauf verlassen, dass sämtliche Fehler gefunden werden: dass KI-Tools Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung korrekt überprüfen, Eigenschreibweisen korrekt anpassen und weitere „unorthodoxe“ Schreibungen richtig übernehmen. Dazu gehören beispielsweise individuelle Regelungen im Rahmen Ihrer Corporate Language.
KI-Tools sind in Sachen Rechtschreibprüfung alles andere als kompetent – und dass mögliche Rechtschreibfehler bestehen bleiben, wird vor allem für Unternehmen, Organisationen und Freiberufler zum Problem: wenn Sie Website- und Werbetexte, Newsletter, Flyer oder Social-Media-Posts an Ihre Kundinnen und Kunden weitergeben. Fehler und Inkonsequenzen – vom Gendern über Abkürzungen bis hin zu Zahlen oder Ziffern – sind für Unternehmenstexte ein echtes No-Go.
Weiterlesen?
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